Die deutschen Revolutionen

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Landläufig ist der Durchschnittsdeutsche, ebenso wie sein Beobachter im Ausland, der Ansicht, der Durchschnittsdeutsche sei zu faul für Revolutionen. Diese Annahme ist falsch, wenn auch zuzugeben ist, dass der Durchschnittsdeutsche in der Regel keine Lust auf Revolutionen hat, auch weil jede Revolution die Gefahr in sich birgt, dass sie andere Ergebnisse bringt, als der dann doch irgendwann auf die Straße gehende Deutsche sich erhofft oder erträumt hat.

Dass diese Annahme, der Durchschnittsdeutsche sei zu faul für Revolutionen, grundlegend falsch ist, wird belegt durch einen kurzen Blick auf die heute als Große Revolutionen in Deutschland anerkannten gesellschaftlichen Umbrüche der letzten 170 Jahre.

  1. Als erste Deutsche Revolution kann die Märzrevolution von 1848/1849 gelten. Ihr Ziel war die Schaffung einer Republik. Nähere Hinweise: https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Revolution_1848/1849.
  2. Die zweite Deutsche Revolution war die Novemberrevolution von 1918/19. Sie führte in der Endphase des Ersten Weltkrieges zum Sturz der Monarchie im Deutschen Reich und zu dessen Umwandlung in eine parlamentarische Demokratie, die Weimarer Republik. Nähere Hinweise: https://de.wikipedia.org/wiki/Novemberrevolution.
  3. Die dritte Deutsche Revolution war die unter Ausschaltung des Parlaments erfolgte Revolution der Nationalsozialisten im Jahre 1933 mit dem Ziel der Abschaffung der Republik durch die Installation einer – heute noch vielen Demokratiefeinden in- und außerhalb der öffentlichen Gewalten liebenswert erscheinenden – Autokratie von Hitlers Gnaden. Nähere Hinweise: https://de.wikipedia.org/wiki/Machtergreifung.
  4. Die vierte Deutsche Revolution war der als Deutsche Wende oder auch friedliche Revolution bezeichnete Untergang der Deutschen Demokratischen Republik im Jahre 1989 mit dem Ziel der Abschaffung der Diktatur des »Proletariats«, welche hauptsächlich geschaffen wurde durch eine Gruppe von nicht arbeitenden Politikern, die mit Drohung und Anwendung von Gewalt das Volk an der freien Selbstbestimmung hindern wollten. Nähere Hinweise: https://de.wikipedia.org/wiki/Wende_und_friedliche_Revolution_in_der_DDR.
Allein in den letzten 170 Jahren haben also vier heute als Revolutionen bezeichnete gesellschaftliche Umbrüche Deutschland gravierend verändert und die jeweils herrschende Klasse hinweggefegt.

Die längste Phase zwischen zwei Revolutionen lag zwischen 1848 und 1918, also 70 Jahre, während die kürzeste Phase, nämlich 15 Jahre, zwischen der Novemberrevolution von 1918 und der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten im Jahre 1933 lag, welche 12 Jahre dauerte, während die Diktatur des »Proletariats« in der Deutschen Demokratischen Republik ganze 40 Jahre hielt.

Im Durchschnitt ist demnach alle 42,5 Jahre mit einer Revolution in Deutschland zu rechnen. Die letzte Revolution, die Deutsche Wende, liegt nunmehr 30 Jahre zurück.

All diesen Revolutionen ist ein gemeinsames Merkmal zu eigen: Wenn eine zahlenmäßig eher kleine, aber fest entschlossene Gruppe von Menschen sich der öffentlichen Ordnung entgegenstellt, gleich aus welchen Gründen, und sich eine signifikante Menge der öffentlichen Meinung hinter diese Gruppe stellt und damit ihr Einverständnis zur Außerkraftsetzung der öffentlichen Ordnung bekundet, besteht für die Wahrer der öffentlichen Ordnung, unabhängig von den Grundlagen dieser Ordnung, keine Chance auf eine erfolgreiche Niederschlagung des Aufstandes – ganz einfach aus dem Grunde, dass es unmöglich ist, einen signifikant großen Bestandteil des Volkes physisch auszulöschen, ohne Gefahr zu laufen, dass die Verursacher der Niederschlagung selbst um ihr Leben fürchten müssen.

Wenn nur 10.000 Menschen entschlossen in Richtung Regierung marschieren mit dem Ziel der Veränderung der öffentlichen Ordnung, dann stehen dieser Regierung exakt zwei Alternativen zur Auswahl: Entweder sie droht, diese 10.000 Menschen physisch unter Einsatz von Waffen vernichten zu lassen und ist auch bereit zum entsprechenden Befehl, oder die öffentliche Ordnung ändert sich. Und spätestens dann, wenn sich ein signifikanter Anteil der bisher schießbereiten Damen und Herren dem Schießbefehl widersetzt, ist die Regierung am Ende.

Die Stärke einer jeden Regierung zur Unterdrückung des Willens des Volkes bemisst sich allein an der Bereitschaft von Nichtregierungsmitgliedern zur massenhaften Tötung anderer Nichtregierungsmitglieder im Auftrag der Regierung.

Die einzige Chance einer jeden Regierung zur Verhinderung eines Aufstandes ist die Schaffung einer öffentlichen Ordnung, welche auf Dauer jeder Minderheit die ihr zustehenden Freiheiten garantiert und dieser somit keinen Anlass zum Aufstand, sondern Anlass zur Verteidigung der Regierung gibt. Ohne die Verteidigungsbereitschaft dieser Minderheiten ist jede Regierung verloren.

Im Umkehrschluss bedeutet das, dass jede Freiheitsbeschränkung einer Minderheit spätestens dann zu deren Aufstand führt, wenn der Bereich der persönlichen Freiheiten einer signifikanten Minderheit ihrer Angehörigen so gering geworden ist und der verbleibenden Mehrheit als ausreichend gefährdet erscheint, dass selbst die Möglichkeit der Niederschlagung eines Aufstandes und die damit verbundene physische Auslöschung mehr Freiheit oder auch nur die Beendigung der Unfreiheit verspricht als der Status quo.

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Unternehmen wir im Folgenden den Versuch der Quantifizierung der zu einer Revolution benötigten Anzahl von aktiven Teilnehmern bzw. sich einem Aufstand nicht aktiv entgegenstellenden Beobachtern:

An der letzten Bundestagswahl im Jahre 2017 nahmen, ausgehend von ca. 62 Millionen Wahlberechtigten von ca. 82 Millionen Einwohnern, ca. 47,25 Millionen Wahlberechtigte teil. Damit liegt der Anteil der Wähler zur letzten Bundestagswahl bei etwas über 50 Prozent der Bevölkerung.

Die dabei stärkste Partei war die CDU mit 26,8 Prozent der Stimmen der teilnehmenden Wahlberechtigten. Damit bestimmten 12,66 Millionen gegen 49,34 Millionen Wahlberechtigte den politischen Status quo bis zur nächsten Bundestagswahl. Dies sind insgesamt 15 Prozent der Gesamtbevölkerung in Deutschland.

Bereits die Anzahl der in Deutschland von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedrohten Menschen liegt aktuell bei 19 Prozent und übersteigt damit die Zahl der Wähler der CDU und auch die Anzahl der Bewohner der sogenannten neuen Bundesländer.

Ausgehend von den aktuellen Verhältnissen in Deutschland und dem den politischen Status quo bestimmenden Wahlverhältnissen, ist demnach festzustellen, dass eine Minderheit von 15 Prozent der Bevölkerung ausreichend ist zur Bestimmung der Politik und damit der Ausrichtung der öffentlichen Ordnung für den Rest der Bevölkerung.

Rechnet man diese Ergebnisse auf die 299 einzelnen Wahlkreise der letzten Bundestagswahl herunter, verfügt jeder dieser Wahlkreise über ca. 207.000 Wahlberechtigte bzw. ca. 274.247 Einwohner.

Wenn die oben errechnete Minderheit von 15 Prozent der Bevölkerung bzw. ca. 12,5 Millionen Einwohner auf diese 299 Wahlkreise aufgeteilt wird, so reicht es zur Festlegung der zukünftigen politischen Ordnung aus, wenn sich pro Wahlkreis ca. 42.000 Einwohner organisieren mit dem festen Ziel der Veränderung der öffentlichen Ordnung.

Eine solche Organisation des Widerstandes wiederum findet nicht erst dann statt, wenn sich 42.000 Einwohner eines Wahlkreises als homogene Gruppe organisiert – und ordnungsgemäß angemeldet – haben, sondern bereits dann, wenn wiederum von diesen nur 15 Prozent die nötige Vorarbeit der Information als Keimzelle des Widerstandes erledigen und der Rest sich den Bestrebungen nicht aktiv entgegenstellt. Als Beleg können auch hier die o.a. Revolutionen dienen, denn diese wurden, außer von einer überschaubaren Anzahl von Initiatoren, zu einem sehr bestimmenden Teil auch durch diejenigen ermöglicht, welche sich den Bestrebungen nicht aktiv entgegengestellt haben. Und die Anzahl derer ist, im Gegensatz zu den Möglichkeiten der aktiven Beobachtung und Beeinflussung der aktiven Widerständler, nicht wirklich überschaubar oder verifizierbar und von daher absolut nicht zu kalkulieren.

Um also eine kommende Revolution seitens der Regierung als nicht im Bereich des Möglichen zu prognostizieren, genügt nicht der Verweis auf eine zahlenmäßig den Widerständlern überlegene Gruppe von nicht aktiv Teilnehmenden, frei nach dem Motto: »Das sind nur eine Handvoll Spinner und der Rest hält (hoffentlich) still …«. Gerade den geheimen Sympathisanten dürfte im Falle der ersten aktiven Widerstandshandlungen ein nicht zu unterschätzender Einfluss unterstellt werden. Und jede Revolution hatte viele Jahre Vorlaufzeit.

Ausgehend von diesen – zugegeben – Spekulationen auf der Grundlage empirischer Zahlen, ist die weit verbreitete Annahme, die Deutschen wären kein Volk von Revolutionären, nicht haltbar. Im Gegenteil wurden von diesen Revolutionen die Wahrer der öffentlichen Ordnung immer wieder überrascht, was ein untrüglichen Zeichen dafür ist, dass sie zumindest in diesen Phasen den Kontakt zum Volk und damit dessen tatsächliche Kontrolle entweder verloren hatten oder nie darüber verfügten.

Ein wichtiger Hinweis auf die Richtigkeit der letzten Aussage ist die Tatsache, dass die letzte Große Deutsche Revolution, die sogenannte Wende, welche ebenfalls von einer zahlenmäßig absoluten Minderheit initiiert worden ist, heute in kaum noch einer Weise geeignet scheint, bei der herrschenden Klasse zumindest ein Unwohlsein hervorzurufen, was wiederum ihren Irrglauben fördert, Revolutionen würden nur der Vergangenheit angehören und so etwas wie 1989 könne nur Erich Honecker und Konsorten oder ganz weit woanders passieren.

Statistisch ist in Deutschland im Laufe der nächsten 10-15 Jahre eine nächste Revolution – wie immer mit ungewissem Ausgang – zu erwarten und tatsächlich mehren sich die Zeichen, dass der Großteil der deutschen Bevölkerung keine Lust mehr hat, sich dem politischen Status quo und der damit verbundenen öffentlichen Ordnung zu unterwerfen.

Erkennbar ist der Drang der herrschenden Klasse zur Verharmlosung vergangener Revolutionen aufgrund des zeitlichen Abstands zu ihrem Beginn, anstatt des Dranges zum Bewusstsein der Wahrscheinlichkeit des Eintritts einer zukünftigen Revolution aufgrund der offenkundigen Ablaufs der statistischen Spanne der Zeit zwischen Revolutionen.

Und das Problem der deutschen Herrscher und Regierungen war und ist immer dasselbe: Wer gegen Minderheiten und letztendlich gegen das Volk regiert, negiert dessen Willen und nimmt sich so selbst die Möglichkeit, dessen Stimmungen und Absichten im Krisenfall einigermaßen zweifelsfrei zu ergründen. Wer lügt, kann nicht mit der Wahrheit und Unterstützung rechnen. Da helfen auch keine Geheimdienste und bewaffneten Einheiten, wie wir aus unserer deutschen Vergangenheit wissen.

DAS VOLK KANN MAN NUR DANN IN SCHACH HALTEN, WENN ES MITSPIELT.

Der politische Status quo ist in Deutschland – trotz eindringlicher Diskreditierung jedes ernstzunehmenden politischen Widerstands – aufgrund der sich zuspitzenden Entfernung der Herrschenden von den Beherrschten oder gerade weil dieser Unterschied im Gegensatz zum Diktat des Grundgesetzes zur alleinigen Herrschaft des Volkes willkürlich geschaffen und erhalten wird, sehr fragil und die diesen mehr und nachhaltiger in Frage und Abrede stellenden wachsenden Teile der Bevölkerung sind zum Einen noch unorganisiert bzw. organisieren sich noch nach dem Willen derer, gegen die sich sich wenden wollen, und zum Anderen noch nicht in der Mehrheit bereit, ihre blechernen Käfige zu verlassen.

Sich jedoch allein auf die Hoffnung verlassen zu wollen, dass es schon nicht so schlimm werden wird, wie es für die direkt herrschende Klasse bisher immer geworden war, zeugt weder von historischem Bewusstsein noch von politischer Weitsicht und schon gar nicht vom politischen Willen der herrschenden Klasse zur aktiven Beteiligung und Mitwirkung des deutschen Volkes an der Innen- und Außenpolitik im Sinne des Grundgesetzes, welches eben diese aktive Beteiligung und Mitwirkung des Volkes allein zu dessen Wohle garantiert, während es von der politischen Elite nicht offiziell außer Kraft, aber faktisch außer Funktion gesetzt wird.

Das eben ist der Fluch der bösen Tat, Daß sie, fortzeugend, immer Böses muß gebären. Friedrich von Schiller